30. Mai 2010 - Rheinberg (WAZ)

Eine Welle der Gefühle
Mit Anmut und Leichtigkeit verzauberte die Pianistin Serra Tavsanli das Publikum in der Stadthalle
Von Alexander Florie

Rheinberg. Mit ein paar Minuten Verspätung betrat Serra Tavsanli in ihrem traumhaften Kleid und mit feiner Eleganz die Empore in der Rheinberger Stadthalle. Die 32-jährige Pianistin, die zurzeit ihr Konzertexamen an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig absolviert und dort auch unterrichtet, hatte nach siebeneinhalb Stunden Fahrt inklusive Start bis kurz vor Konzertbeginn noch geprobt.

Flüssiges Spiel

Von Anspannung oder Stress war bei der in Istanbul geborenen Künstlerin aber nicht das Geringste zu spüren, ganz im Gegenteil. Mit einem ungeheuer flüssigen Spiel schwebte sie fast über die Tasten, mit geschlossenen Augen und zart wiegenden Bewegungen versank sie in ihrer eigenen Musik. Mit ihrer Ausstrahlung zog sie die Zuschauer dabei zusätzlich in ihren Bann.

Zu Beginn des Konzerts gab’s vier Balladen von Frédéric Chopin - angefangen mit der g-moll Ballade Op. 23, bei der Tavsanli das Thema wunderbar weiter ausformulierte und deren Varianten mit großer Weichheit, Ausdruck und Gefühl transportierte.

In der Ballade F-Dur wurden vor dem Auge des Zuhörers die Mädchen einer litauischen Stadt lebendig, von der das Stück erzählt. Und die dramatischen Momente, als die russischen Besetzer auftauchen und die Mädchen in Wassernixen verwandelt werden - technisch ausgereift, dynamisch und mit großer Intensität dargeboten.

Filigran erklang dann die Ballade As-Dur, behutsam-lyrisch und zugleich emotional brachte sie die f-moll Ballade zu Gehör. Nach einer Pause ging es dann mit drei Romanzen von Clara Wieck weiter. Auch hier brillierte die Pianistin mit Esprit, Leichtigkeit und zarter Verspieltheit.
Vielschichtig und gefühlsvoll zugleich präsentierte Tavsanli dann Robert Schumanns Sonate fis-moll. Dabei gelang es ihr, die überschäumende Begehrlichkeit und Sehnsucht der Sonate, die Schumann zu Lebzeiten als „einzigen Herzensschrei“ nach seiner Frau Clara bezeichnet hatte, für den Zuhörer spürbar zu machen.

Die Schlussequenz war eine einzige Welle der Gefühle - das Publikum quittierte ihren Auftritt mit großem Applaus. Nach einer winzigen Bach-Zugabe endete das Konzert - und viele Zuschauer dürften verzaubert nach Hause gegangen sein. Ein echtes Erlebnis.