26. November 2010 - Eilenburg

29. Nov. 2010 - Leipziger Volkszeitung LVZ Eilenburg

Montag, 29. November 2010

Stunde der Musik
Serra Tavsanli erobert Herzen im Klavier-Sturm

Eilenburg. Die letzte Veranstaltung dieses Jahres in der Eilenburger Reihe Stunde der Musik war wieder ein Klavierkonzert. Ines Kasper, Kulturchefin der Stadtverwaltung, hatte ein ganz besonderes angekündigt. Allerdings ist das Stammpublikum in dieser Richtung recht verwöhnt. Viele international profilierte Pianisten gaben schon am betagten, aber liebevoll restaurierten Blüthner-Flügel ihr Bestes.

Dieses Mal waren etwa 75 Interessierte aus der Muldestadt und der näheren und weiteren Umgebung gekommen, um der umwerfend gut aussehenden Serra Tavsanli zu lauschen. Sogar aus der Bundeshauptstadt Berlin zog es deshalb eine ältere Dame in die nordsächsische Provinz. Die Erwartungen waren also hochgesteckt. Sie wurden nicht enttäuscht. Es kam eine junge, frisch und natürlich auftretende Dame, die sich ohne zu zögern an ihr Arbeitsgerät begab und einfach anfing zu spielen. Und wie! Kraftvoll und zupackend, mit irrsinnig schnell perlenden Läufen leidenschaftlich über die Tasten preschend und dann wieder behutsam und sinnend die Akkorde und Harmonien auskostend - ganz so, wie es das Werk erfordert.

Dabei hatte sie sich ihre Aufgabe nicht leicht gemacht: Sowohl die Partita Nr. 6 e-Moll von Johann Sebastian Bach aus den "Clavierübungen" wie auch Schuberts B-Dur-Sonate D 960 sind wahrhaft keine Ãœbungsstücke für Anfänger, sondern Werke, die dem Interpeten alles abverlangen.

Bach hatte in seinem oben schon erwähnten vierteiligen Buch solche Übungsstücke für alle Instrumente mit Klaviatur systematisch zusammengefasst. Aber das Wort "Übung" ist bei ihm nicht im heutigen Sinn zu verstehen, sondern als ein Hilfsmittel zur umfassenden geistigen und technischen Aneignung des Instrumentes durch den erfahrenen Pianisten. Genau deshalb sind diese Kompositionen alles andere als leicht zu spielen und genau deshalb haben sich in der Vergangenheit ganze Generationen hervorragender Interpreten davor gedrückt, sie in ihr Repertoire aufzunehmen. Doch Serra Tavsanli stellte sich dieser Aufgabe und bewies damit, dass sie sich trotz ihrer Jugend einen Platz unter den Besten ihrer Zunft erarbeitet hat.

Ihre persönliche Vorliebe gilt vor allem deutschsprachigen Komponisten. Das ergab sich daraus, dass sie einen wesentlichen Teil ihrer musikalischen Ausbildung nicht nur in ihrer Heimatstadt Istanbul, sondern vor allem in Deutschland erhalten hat. "Die besten Musikprofessoren der Welt leben in Deutschland", schwärmte sie. Nirgendwo sonst sei die Dichte hervorragender Orchester und Musikhochschulen so hoch. So habe sie hier ihre neue Heimat und auch ihr privates Lebensglück gefunden.

Leider hatte sie zu Beginn einige kleine Probleme mit dem Instrument. Das Pedal des Flügels wollte nicht immer so wie sie. Aber das gab sich nach und nach. Sie spielte sich frei, vergaß ihr Lampenfieber und eroberte die Herzen sowohl des recht zahlreichen jungen als auch des älteren Publikums im Sturm.

Ehrensache, dass sie zum Schluss eine sehr gefühlvolle und passende Zugabe hören ließ: anlässlich des 200. Geburtstages von Robert Schumann die erste seiner Kinderszenen "Von fremden Ländern und Menschen". Die Eilenburger Kulturchefin hatte nicht zu viel versprochen. (Wolfgang Hirsch)