30. Mai 2010 - Rheinberg (Rheinische Post)

1. Juni 2010 - Rheinberg

Mit einem untrüglichen Instinkt musikalische Tiefen ausgelotet
Von Udo Spelleken

Rheinberg. Die beeindruckende Vielfalt romantischer Gefühle und Stimmungen sowie ihre zahlreichen Wandlungen stellte die in Istanbul geborene Pianistin Serra Tavsanli in einem Klavierabend der Musikalischen Gesellschaft in der Stadthalle vor. Mit Werken von Frédéric Chopin, Clara Wieck und Robert Schumann ließ sie die Zuhörer teilhaben an der besonderen Qualität und Ausdruckskraft dieser Komponisten, die sich deutlich von anderen musikalischen Stilen abhebt.

Einfallsreiche Motive

Mit vier Balladen von Chopin eröffnete die sympathische 32-jährige Künstlerin einen Reigen einfallsreicher Motive und Themen, deren differenzierte und uneingeschränkte Darstellung gedanklich kaum zu fassen war. Serra Tavsanli setzte ganz auf ihre ungewöhnlich bezaubernde Anschlagskultur. Die von ihr gewählten Tempi wirkten niemals überzogen oder gar langweilig, sondern sinnhaft erfüllt. Dies spricht für ihre Ernsthaftigkeit und Professionalität. Ihr untrüglicher Instinkt, musikalische Tiefen ausloten zu können und die von absolut konzentrierter Spannung erfüllte Interpretation, nötigt Respekt und Bewunderung.

Dabei war es bemerkenswert, wie auch ihr virtuoses Talent immer wieder aufblitzte. Dass sie furios „zulangen“ konnte, war bei manchen Stellen von Clara Wieck- Schumanns Romanzen Op. 11 nicht zu überhören. Sie traf das schwärmerische Melos derart hinreißend, dass es sich sogleich übertrug und den Hörer ins Schwelgen geraten ließ.

Durch Tavsanli erhielten die oftmals süßlich-verkitscht dargebotenen Sätze ihren wahren Charakter zurück und klangen sorgsam reduziert, verinnerlicht, ohne an inwendiger feinfühliger oder gar auditiver Substanz zu verlieren.

Von den drei Sonaten, die zwischen 1833 und 1836 von Robert Schumann erschienen waren, ist zweifelsohne die erste Sonate in fis-moll Op. 11 die bedeutendste. In diesem zutiefst romantischen Werk offenbaren sich Schumanns jugendlicher Enthusiasmus, seine Gefühle zu Clara Wieck und seine ungestüme Verzweiflung über das Verbot der Liebe durch den Vater. Es gelang der Pianistin mit empfindsamer Suggestivkraft, diesen einzigartigen Gefühlsstrom, dieses gegenwärtige Erleben von einem Höhepunkt zum anderen unvergesslich zu deuten.

Farbiger Klang

Ein unglaublich dynamischer Reichtum und sorgfältige Differenzierungen in den Haupt-Nebenstimmen standen bei den einzelnen Sätzen im Vordergrund. Tonale Spannungen und melodische Auflösungen spiegelten sich im farbigen Klang. Sichtlich erschöpft beendete Serra Tavsanli ihr großartiges Konzert, das das Publikum allein durch seine Intensität begeisterte.