16. April 2013 – Schaumburger Nachrichten

Verspielt wie kleine Feen

Bei Serra Tavsanli perlen die Töne wie Tautropfen

Obernkichen. Ein Klavierabend auf allerhöchstem Niveau hat im Stift Obernkirchen den Auftakt der Reige „ Internationale Konzerte“ gebildet. Vor rund 120 Zuhörern im bis auf den letzten Platz gefüllten Festsaal brillierte Pianistin Serra Tavsanli mit Werken von Bach, Chopin und Schumann.

„Musikerin zu sein, bedeutet für mich, die wirkungsvolle Rolle der Vermittlerin zu übernehmen“, sagt die türkische Pianistin Serra Tavsanli von sich selbst. Sie wolle die Musik, ihre Schöpfer, sowie deren unmittelbare Zeit erlebbar machen. Vermittlerin sein, die Musik erlebbar machen : All das gelang der talentierten Nachwuchskünstlerin an diesem Vorabend aufs Beste. Tavsanli zeigt sich handwerklich auf allerhöchstem Niveau, ausdrucksstark und hoch emotional.
Von ihrer technischen Brillanz, die sie sich unter anderem in ihrer Ausbildung in Deutschland angeeignet hat, vermittelte gleich das erste Werk- die sechste Partita e-moll BWV 830 von Johann Sebastian Bach- einen guten Eindruck. “Feierlich und hochpatetisch“ nennt der Reclam –Führer die Sarabande, doch wie hochdramatisch war sie in diesem Fall gestaltet. Erst die fröhliche, federleichte „ Tempo die Gavotta“ später die „ Gigue“ die zum Schluss fast schalkhafte Züge annimmt. Tavsanli spielt Bach kraftvoll und zupackend, mal leidenschaftlich über die Tasten preschend, dann wieder behutsam und sinnend die Akkorde und Harmonien auskostend.Die irrsinnig schnellen Läufen kommen beeindruckend flüssig, den expressiven Akkordbrechungen stellt sie einen wunderbar lyrischen und gesanglichen Ton gegenüber. Chapeau ! Da macht das Zuhören Spaß.
Einen anderen Ton schlagen vier Klavierstücke des Komponisten Frederic Chopin an. Die Prelude cis-moll, Op.64 Nr.2, die Mazurka cis-moll, Op.50 Nr.3 und das Scherzo Nr.4 in E-Dur, Op.54 stammen alle aus der Zeit seiner Beziehung mit der Schriftstellerin George Sand, die wie Tavsanli in einer Einführung erläutert, eine „ emanzipierte Frau in Männerkleidung“ gewesen sei. Ihr Spiel voller Esprit und Leichtigkeit, ohne jeglichen Kitsch, folgt diesem Gedanken. Wie Tautropfen perlen die Töne aus dem Klavier hervor. Es fließt, es strömt. Dazwischen Brechungen, ein wuchtiger Kontrapunkt, hin-und herwogende Läufe. Mal gravitätisch, dann verspielt wie kleine Feen. Vier Stücke, denen Tavsanli ein jeweils ganz eigenes Profil abgewinnen kann und in denen sie ganz bei sich ist.
Vielsichtig und gefühlvoll zugleich präsentiert sich nach der Pause die „Sonate fis-moll“ von Robert Schumann. Von Beginn an gelingt es der jungen Künstlerin, die überschäumenden Gefühle der Sonate spürbar zu machen. Zunächst die sehnsuchtsvolle Melodie, die durch verschiedene Emotionen durchschreitet und den Taumel der Empfindungen nachzeichnet. Dann eine Weile der Gefühle, die der Komponist als „ Herzensschrei“ nach seiner Frau Clara verstanden wissen will.
Tavsanli gibt den Tönen Zeit, lässt sie atmen. Dazu kommt eine technische Brillanz, die den Klavierabend auch beim letzten Programmpunkt zu einem echten Erlebnis werden lässt. Nach zwei Stunden Spielzeit wird die aus der Türkei stammende Serra Tavsanli mit viel Beifall verabschiedet. (Michael Grundmeier)